Wo ist meine Lebenslust heute?

Weltlage, Teuerung, zähe Projekte, Beschwerden und Schmerzen, Geräte, die kaputtgehen – manchmal ziehen sich Tage, ja ganze Wochen, schleppend dahin.

Und ja: Ich weiß zu schätzen, was ich habe. Ich bin dankbar für ein gutes Netzwerk an Ärztinnen und Ärzten, für Familie und Freunde, die da sind, wenn ich sie brauche. Und trotzdem habe ich in den letzten Tagen gemerkt: Ich bin schon lange nicht mehr freudig aus dem Bett gehüpft.

Wenn der Wecker klingelt, kuschle ich mich noch einmal in meine gemütliche Bettwäsche, freue mich an den Farben – und dann eiere ich aus diesem sehr bequemen Bett in den Tag.

Seit ein paar Tagen stelle ich mir morgens eine andere Frage:
Wo ist meine Lebenslust heute?
Kein, „Oh Lebenslust, wo bist Du bloß geblieben“ sondern: „Lebenslust, wo glänzt Du heute? Wo kann ich Dich heute finden?“

Und dann schaue ich: wo darf sie heute aufblitzen – wie die Sonne, die an einem trüben Tagen durch die Wolken bricht?

Freue ich mich auf
– ein Treffen mit jemandem?
– ein Telefonat mit einer Freundin?
– einen Theaterabend?
– ein neues Rezept, das ich ausprobieren will?
– die Lieferung Bio-Orangen direkt aus Sizilien?

Klar, Deine Liste sieht anders aus. Aber sie existiert. Auch an öden Tagen gibt es diese kleinen Vorfreude-Inseln.

Für mich funktioniert es erstaunlich gut, genau diese Momente zu zelebrieren. Nachrichten höre ich nur dosiert – meist öffentlich-rechtliche Journale, bevorzugt digital, mit Inhaltsverzeichnis. Informiert sein: ja. Mich überrollen lassen: nein. Neben Kommunikationswissenschaft habe ich auch Politikwissenschaft studiert und war in basisdemokratischen Projekten aktiv. Ich mag es mich zu informieren, bewusst, so wie es für mich passt.

Lebenslust entsteht für mich an so vielen Orten:
Sie zeigt sich im Kleinen.
Im Erwarteten.
Im Gewählten,
Plänen, die aufgehen,
Ideen, die ich sofort notiere.

Vielleicht ist Lebenslust gar kein großes Gefühl, das plötzlich wiederkehrt.
Vielleicht ist sie eher eine leise Einladung.

Eine Frage am Morgen.
Ein bewusster Blick auf das, worauf ich mich heute freuen kann.
Ein kleines inneres Nicken: Da bist du ja. Schön dich zu sehen.

Und vielleicht reicht das schon –
nicht aus dem Bett zu hüpfen,
aber mit einem kleinen Glänzen im Herzen aufzustehen.

Und mit Spaß und Lust an der Freude einen Text zu formulieren, eine Grafik zu basteln, mich an Farben und Formen zu freuen. Ich spiel wirklich sehr gern, auch das ist Lebenslust und eben Selbstfürsorge.

Wo hast Du heute Deine Lebenslust gefunden?