Es gibt Begriffe, bei denen ich innerlich ein leichtes Zucken bekomme.
„Selbstoptimierung“ ist so einer.
Ich kann total nachvollziehen, warum das Thema so beliebt ist. Verbesserung ist immer super. Ich liebe es auch Prozesse zu optimieren, warum nicht auch einen Menschen? Es klingt nach Entwicklung. Nach Fortschritt. Nach: Ich nehme mein Leben in die Hand.
Und ja – Selbstoptimierung bringt Menschen oft tatsächlich irgendwohin.
Zu mehr Disziplin. Zu besseren Gewohnheiten. Zu mehr Leistung. Zu sichtbaren Erfolgen.
Doch ich frage mich manchmal:
Was ist eigentlich der Ausgangspunkt davon?
In vielen Formen von Selbstoptimierung steckt für mich eine stille Botschaft:
„So wie ich jetzt bin, bin ich noch nicht richtig.“
Nicht fit genug. Nicht produktiv genug. Nicht attraktiv genug. Nicht erfolgreich genug. Nicht diszipliniert genug. Also bessere ich mich. Noch mehr. Noch effizienter. Noch konsequenter.
Ich persönlich starte lieber bei:
Ich bin okay so wie ich bin.
Nicht perfekt. Nicht fertig. Nicht über jeden Zweifel erhaben.
Jedoch okay.
Ich bin lernfähig. Ich kann mich verändern. Ich kann wachsen. Ich kann Gewohnheiten verändern.
Aber ich muss nicht erst ein besserer Mensch werden, um okay zu sein.
Wenn Entwicklung aus einem Gefühl von Mangel und Defizitdenken entsteht, dann ist Veränderung nicht neugierig oder liebevoll, nicht leicht und lässig. Sondern eher ein Versuch, endlich „genug“ zu werden.
Der feine Unterschied zwischen Wachstum und Scham
Was mich am Begriff Selbstoptimierung so irritiert: Für mich schwingt darin oft Scham mit.
Eine subtile Form von:
„Eigentlich sollte ich anders sein.“
Nicht immer laut. Nicht immer bewusst. Aber spürbar. „So wie ich bin, bin ich nicht richtig“
Und Scham ist ein anstrengender Motor.
Sie kann Menschen unglaublich diszipliniert machen. Sie kann dafür sorgen, dass jemand um fünf Uhr früh aufsteht, eisbaden geht, Kalorien trackt, Produktivitätssysteme baut und in Rekordzeit sichtbare Ergebnisse erzielt.
Selbstoptimierung und Perfektionismus können zu einem Teufelskreis aus ständigem Druck und Versagensängsten führen.
Und Eisbaden ist super, früh aufstehen durchaus auch, achtsam zu essen und Abläufe auch mal zu ändern alles fein, mir geht es um den Antrieb dahinter.
Was wäre die Alternative?
Es geht mir nicht darum, stehenzubleiben. Nicht darum, alles egal zu finden. Nicht darum, jede Gewohnheit romantisch zu verklären.
Wir lernen. Wir verändern uns. Wir wachsen.
Aber die Frage ist:
Aus welcher Haltung heraus?
Aus Härte? Oder aus Fürsorge? Aus Selbstliebe? Aus Scham? Oder aus Selbstmitgefühl?
Selbstfürsorge klingt weniger spektakulär
Selbstfürsorge klingt auch nicht prickelnd und für die meisten auch nicht sexy.
Selbstfürsorge hat schlechteres Marketing als Selbstoptimierung.
Selbstoptimierung verspricht Transformation. Vorher-Nachher-Bilder. Messbare Resultate. Bewunderung.
Selbstfürsorge klingt dagegen bisserl fad: Mehr schlafen. Grenzen setzen. Pausen machen. Mit sich selbst freundlich reden. Sich Fehler erlauben.
Wohin das führt: nicht unbedingt zu einem vermessbar-besseren Körper. Oder zu mehr Leistung.
Es führt zu mehr innerer Ruhe. Mehr Verbundenheit. Mehr Lebendigkeit.
Vielleicht braucht es gar nicht den Fleiß für den Preis?
Ich darf falsch liegen – und trotzdem okay sein
Ich darf Dinge falsch machen. Ich darf scheitern. Ich darf widersprüchlich sein. Ich darf Entwicklungsschritte brauchen.
Und ich bin trotzdem okay.
Nicht erst nach dem nächsten Buch. Nicht erst nach der besseren Morgenroutine. Nicht erst nach zehn Kilo weniger. Nicht erst nach dem endgültigen Beweis meiner Disziplin.
Sondern jetzt.
Und aus diesem Gefühl heraus darf Veränderung passieren.
Nicht als Selbstkorrektur. Sondern als Ausdruck von Lebendigkeit. Von Lebenslust. Von Freude.
Vielleicht ist das am Ende mein Unterschied zwischen Selbstoptimierung und Entwicklung:
Das eine sagt:
„Werde endlich jemand Besseres. Wir sagen Dir, wie Deine Werte sein sollen.“
Das andere sagt:
„Du bist okay. Und von dort aus darfst Du wachsen. Wohin Du willst. In Dir. Und Du musst gar nichts.“

